Mindestlöhne veranlassen Unternehmen dazu, Arbeitnehmende zu schulen
Entgegen lang gehegten Annahmen zeigen neue Forschungsergebnisse von Prof. Katarina Zigova, dass Mindestlöhne in der Schweiz Unternehmen tatsächlich dazu motivieren können, mehr in die Ausbildung ihrer Mitarbeitenden zu investieren. Text: Katarina Zigova
In Zeiten des Fachkräftemangels würde wohl kaum jemand etwas dagegen haben, wenn Unternehmen mehr in die Weiterbildung ihrer Mitarbeiter:innen investieren würden. Auch die Politik sucht nach Massnahmen, um solche Bemühungen zu fördern. Dennoch zögern viele Unternehmen noch, da Weiterbildungen zusätzliche direkte und indirekte Kosten verursachen und das Risiko, neu ausgebildete Mitarbeitende an Wettbewerber zu verlieren, die Motivation dämpft.
Kosten in Chancen verwandeln
Auf den ersten Blick scheint die Einführung von Mindestlöhnen kein geeignetes Mittel zu sein, um Investitionen in die Ausbildung anzukurbeln. Warum sollten Unternehmen mehr ausgeben, wenn Vorschriften bereits zu höheren Arbeitskosten führen? Was aber, wenn Niedriglohnarbeiter:innen tatsächlich wertvoll sind – und ihre Ersetzung sogar teurer ist als ihre Weiterbeschäftigung und Ausbildung?
Als der Kanton Neuenburg 2018 den ersten regionalen Mindestlohn der Schweiz einführte – gefolgt von vier weiteren Kantonen zwischen 2020 und 2022 –, schuf diese Massnahme ideale Voraussetzungen, um zu untersuchen, wie sich Mindestlöhne auf die Ausbildung auswirken. Auf der Grundlage von drei umfangreichen Schweizer Umfragen, die einen Zeitraum von acht Jahren abdecken, untersuchten Prof. Katarina Zigova von der Universität Zürich und Prof. Thomas Zwick von der Universität Würzburg die Ausbildungsaktivitäten von Unternehmen vor und nach diesen politischen Veränderungen.
Die föderale Struktur der Schweiz ermöglicht einen natürlichen Vergleich zwischen Kantonen mit und ohne Mindestlöhne, was die Ergebnisse der Studie untermauert. Die Ergebnisse sind beeindruckend: Mindestlöhne führten zu etwa 10 % mehr Fortbildungen – meist vom Arbeitgeber finanziert, oft während der Arbeitszeit und zu Themen, die über die Kerngeschäftsbereiche hinausgehen.
Weitere Analysen zeigen, dass der Anstieg der Fortbildungen nicht auf die direkt vom Mindestlohn betroffenen Arbeitnehmenden beschränkt ist. Kleinere, aber dennoch signifikante Zuwächse bei den Fortbildungen sind auch bei besser bezahlten Arbeitnehmer:innen zu verzeichnen – ein Phänomen, das in der Literatur als „Ripple-Effekt” bekannt ist. Darüber hinaus bleibt der Fortbildungseffekt über mehrere Jahre hinweg stabil.
Über den Mindestlohn hinaus
Eine häufig geäusserte Sorge könnte sein, dass dieses positive Ergebnis lediglich eine Veränderung in der Zusammensetzung der Belegschaft nach der Einführung von Mindestlöhnen widerspiegelt. Zigova und Zwick liefern jedoch starke Belege gegen diese Behauptung. Die Unternehmen in den betroffenen Kantonen stellten keine höher qualifizierten Mitarbeiter ein und veränderten auch nicht auf andere Weise die Zusammensetzung ihrer Belegschaft. Auch die Arbeitsbedingungen wie Überstunden und vertragliche Vereinbarungen blieben unverändert.
Kantonale Mindestlöhne sind ein relativ neues Phänomen auf dem Schweizer Arbeitsmarkt, und viele Beobachter befürchteten zunächst negative Nebenwirkungen. Die Untersuchungen von Zigova und Zwick zeigen jedoch, dass die Unternehmen kaum Mitarbeiter entlassen haben. Stattdessen reagierten sie mit verstärkten Ausbildungsanstrengungen und glichen die höheren Arbeitskosten durch Produktivitätssteigerungen aus. Damit hatte die Massnahme nicht nur einen direkten Effekt – die Anhebung der Niedriglöhne –, sondern auch einen indirekten, indem sie Investitionen in Humankapital ankurbelte.
Katarina Zigova ist Professorin für Personalökonomie, Berufsbildung und lebenslanges Lernen am Departement für Betriebswirtschaftslehre der UZH.
Text: Katarina Zigova, Quelle: Oec. Mag. #24