Über die CO2-Bepreisung hinaus: Integration von Klimaschutz, Anpassung und CO2-Entfernung
Initiative für nachhaltige Finanzen: Forschungshighlight von Markus Leippold und Felix Matthys
Diese aktuelle wissenschaftliche Studie von Prof. Markus Leippold vom Departement Finanzen der UZH und Prof. Felix Matthys von der ITAM Business School zeigt, dass eine rein preisbasierte Strategie Kohlenstoffpreise von rund 474 USD pro Tonne CO₂ erfordern würde, was zu einer gross angelegten Veräusserung von fossilen Kapitalanlagen und hohen Übergangskosten führen würde.
Forschungsfrage
Der Artikel befasst sich mit einem zentralen Problem der Klimaökonomie: Sich allein auf die Bepreisung von Kohlenstoff zu verlassen, um die Pariser Temperaturziele zu erreichen, ist sowohl politisch als auch wirtschaftlich unrealistisch. Eine reine Pigou-Steuer, die hoch genug ist, um „deutlich unter 2 °C“ zu bleiben, würde sehr hohe kurzfristige Kosten, eine rasche Abschaffung fossiler Brennstoffe und erhebliche Übergangsrisiken mit sich bringen.
Sich allein auf Kohlenstoffsteuern zu verlassen, um das Pariser 2 °C-Ziel zu erreichen, wäre unerschwinglich teuer und politisch unrealistisch. Eine reine preisbasierte Strategie würde Kohlenstoffpreise von rund 474 USD pro Tonne CO₂ erfordern, was zu einer gross angelegten Veräusserung von fossilen Kapitalanlagen und hohen Übergangskosten führen würde.
Die Autoren fragen daher, wie ein umsetzbares Portfolio von Klimamassnahmen aussehen sollte, wenn Klimaschutz, Anpassung und Kohlenstoffentfernung auf dem Tisch liegen, und wie ein solches Portfolio ehrgeizige Klimaziele mit wirtschaftlicher und politischer Machbarkeit in Einklang bringen kann.
Methodik
Die Autoren entwickeln ein stochastisches integriertes Bewertungsmodell, das ein Zwei-Box-Klimasystem (Atmosphäre–Oberfläche und Tiefsee) mit einer Makroökonomie verbindet, die sauberes und schmutziges Kapital, endogene Forschung und Entwicklung im Bereich sauberer Technologien sowie Klimaschäden umfasst. Die politischen Entscheidungsträger wählen eine dynamische Kombination aus vier Instrumenten:
- eine Kohlenstoffsteuer auf aktuelle Emissionen,
- Subventionen für sauberes Kapital und gezielte Innovationen (F&E-Förderung),
- Anpassungsinvestitionen zur Verringerung von Schäden und Katastrophenrisiken sowie
- Kohlendioxidentfernung (CDR), die den CO₂-Gehalt in der Atmosphäre aktiv senkt.
Das Modell ist auf einen RCP4.5-Pfad kalibriert und erfasst einen realistischen „mittleren“ Übergang, bei dem fossiles Kapital noch jahrzehntelang eine wichtige Rolle spielt. In diesem Rahmen berechnen die Autoren den optimalen Politikmix unter politischen und Übergangsbeschränkungen, die begrenzen, wie hoch die CO₂-Preise realistisch gesehen steigen können. Die wichtigste Erkenntnis ist, dass die Klimastabilisierung ein Bestandsproblem ist: Die Preisgestaltung allein steuert den Fluss neuer Emissionen, reduziert aber nicht aktiv den bereits in der Atmosphäre vorhandenen CO₂-Bestand.
Wichtigste Ergebnisse
Wenn sich die Welt allein auf die Bepreisung von Kohlenstoff verlassen würde, müsste die Steuer, die mit dem 2-Grad-Ziel vereinbar ist, auf etwa 474 USD pro Tonne CO₂ steigen, was massive Kapitalabschreibungen und erhebliche Übergangsrisiken für die Realwirtschaft mit sich bringen würde. Im Gegensatz dazu kann ein diversifiziertes Politikportfolio, das CO₂-Steuern mit Subventionen für saubere Technologien und F&E-Förderung, gezielten Anpassungsinvestitionen und skalierbarer CDR kombiniert, eine Klimastabilisierung zu wesentlich niedrigeren und realistischeren CO₂-Preisen erreichen – in einer Grössenordnung von etwa 178 USD/tCO₂ oder sogar nahe 51 USD/tCO₂ in einem politisch eingeschränkten „zweitbesten“ Szenario.
Ihre kontrafaktische Analyse zeigt zwei zentrale Lücken auf:
- eine Preislücke – wenn die Welt darauf besteht, ausschliesslich CO₂-Steuern zu erheben, muss die Steuer auf etwa 474 USD/tCO₂ steigen, um nahe bei 2 °C zu bleiben;
- eine Innovationslücke – wenn Gesellschaften stattdessen aggressiv in saubere Innovationen und skalierbare CDR-Technologien investieren, kann die erforderliche Steuer auf ein überschaubareres Niveau sinken.
Im optimalen Portfolio sind Innovation und CDR keine Zusatzelemente, sondern zentrale Säulen: Zu Beginn hilft eine starke Unterstützung für saubere Forschung und Entwicklung sowie Kapital dabei, die Pfadabhängigkeit im Energiesystem zu überwinden, während sich der Fokus später auf die gross angelegte Kohlenstoffentfernung verlagert, um die atmosphärischen Bestände zu verwalten. Anpassungsmassnahmen ergänzen diese Massnahmen, indem sie Schäden und Katastrophenrisiken reduzieren und die Widerstandsfähigkeit der Wirtschaft weiter verbessern.
Implikationen und Schlussfolgerungen
Die übergeordnete Botschaft lautet, dass eine wirksame Klimapolitik keine Entscheidung zwischen wirtschaftlichem Realismus und ehrgeizigen Temperaturzielen erzwingt. Stattdessen muss sie „über die CO₂-Bepreisung hinausgehen“ und einen innovativen Ausweg aus diesem Zielkonflikt finden: die Kombination von CO₂-Bepreisung mit gezielter Förderung sauberer Technologien, Anpassungsmassnahmen und CO₂-Entfernung.
Für politische Entscheidungstragende, Investor:innen und Unternehmen bedeutet dies, dass CO₂-Preise zwar weiterhin wichtig sind, aber in eine umfassendere Strategie eingebettet sein müssen, die saubere Innovationen beschleunigt und CDR skaliert, während gleichzeitig durch Anpassung Resilienz aufgebaut wird.
Für ein breiteres Publikum ist die Schlussfolgerung einfach: Preise allein werden das Klima nicht retten – Innovation, Entfernung und Resilienz müssen Hand in Hand gehen.
Weitere Informationen:
Leippold, Markus und Matthys, Felix, Beyond Carbon Pricing: Integrating Mitigation, Adaptation, and Carbon Removal (30. Dezember 2025). Swiss Finance Institute Research Paper Nr. 26-07, verfügbar bei SSRN: https://ssrn.com/abstract=5990734 oder http://dx.doi.org/10.2139/ssrn.5990734
Text: Cornelia Kegele
Quelle: UZH Department of Finance
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