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KI als Instrument zur Nachhaltigkeitsanalyse

Unternehmen veröffentlichen zunehmend Informationen, die zeigen sollen, wie sie auf den Klimawandel reagieren. Markus Leippold, Professor für Financial Engineering, nutzt künstliche Intelligenz, um diesen Informationsdschungel zu durchforsten und zu prüfen. Text: Elisabeth Liechti

Finance-Professor Markus Leippold beschreitet mit seiner Forschung neue Wege: Mit künstlicher Intelligenz geht er an finanzwissenschaftliche Probleme heran. Die Inspiration zu seinem bisher bedeutendsten Forschungsprojekt hat er während eines Forschungsaufenthalts 2019 bei Google gefunden: Dort wurde der Algorithmus BERT, der der Google-Suchfunktion zugrunde liegt, entwickelt. «Computer sollen in Zukunft befähigt werden, Texte und gesprochene Worte auf die gleiche Weise zu verstehen, wie Menschen es können», erkannte der Professor – und begann, sich vertieft mit dem Thema auseinanderzusetzen.

Zusammen mit seinem Team entwickelte Leippold schliesslich ClimateBERT – ein Algorithmus, mit dem klimabezogene, unstrukturierte Textinformationen aus verschiedenen Quellen verfügbar gemacht werden können. Vor allem aber können Behauptungen zum Thema Klima auf Fakten analysiert werden. Das Forscherteam konnte mithilfe von ClimateBERT aufzeigen, dass Unternehmen viel über Nachhaltigkeit reden, aber wenig dahintersteckt.

Konkretes Werkzeug für Aufsichtsbehörden

Das sei problematisch, findet Markus Leippold. Denn der Markt könne nur effizient funktionieren, wenn die relevanten Informationen aus den Unternehmen für Investor*innen verfügbar seien. Schliesslich müssen sie mögliche Risiken einschätzen können, bevor sie Unternehmen Geld überlassen. Neben den Unsicherheiten, die ein bestimmtes Geschäftsmodell mit sich bringt, müssten sie folglich auch die Klimarisiken bewerten können. ClimateBERT könnte den Aufsichtsbehörden helfen, die Aussagen von Unternehmen zu prüfen. Finanzanalyst*innen und Investor*innen könnten Aussagen zu klimabezogenen Risiken verifizieren – und so nachhaltiges Handeln von Greenwashing unterscheiden. Allerdings gesteht Leippold auch ein, dass es für Unternehmen aktuell schwierig sei, grün zu wirtschaften und dies auch entsprechend auszuweisen.

 «Es fehlen nach wie vor einfache, klare und international koordinierte Regeln, was die Unternehmen ausweisen müssen.»

Gleichzeitig steht es gemäss Leippolds weiterer Forschung nicht sehr gut um die «Sustainable Finance Literacy» von Schweizer Privatanleger* innen, was sie zu einer leichten Beute für Greenwashing macht.

Immerhin: Das Interesse für Climate-BERT sei da, bestätigt Leippold, aber die politischen Mühlen mahlen langsam. Aktuell hält er ein bis zwei Vorträge pro Woche, um die Finanzindustrie und die Politik auf das Tool und die Greenwashing-Problematik aufmerksam zu machen. Denn: «Was bringt mir ein Paper, das nur wenige lesen, ausser akademische Meriten?», so der Professor. Er wolle seine akademische Freiheit lieber nutzen, um wirklich etwas zu einer Veränderung beizutragen. Die Zeit drängt.

(Zur Person: Prof. Dr. Markus Leippold ist Professor für Financial Engineering an der Universität Zürich, Präsident des Leitenden Ausschusses und Mitglied der Studiengangskommission der Finance Weiterbildung. Er lehrt in verschiedenen Executive Education Lehrgängen im Bereich Finance, u.A. Fintech, Sustainability, Risk Management, Finanztheorie und weitere.)

Text: Elisabeth Liechti

Quelle: Oec. Magazin Ausgabe #18

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