Vertrauen ist gut, Due Diligence ist besser
Kann man ESG-Offenlegungen von Unternehmen blind vertrauen? Kaum. Nachhaltigkeitsberichte, Klimastrategien oder ESG-Ratings liefern wichtige Hinweise für Sustainable Investing. Für sich allein sind sie aber selten ausreichend, um die tatsächliche Nachhaltigkeitsleistung, die strategische Verankerung und die künftige Wirkung eines Unternehmens belastbar zu beurteilen.
Text: Stephan Hirschi
Der OECD Responsible Business Outlook 2026 bestätigt diese Skepsis. Viele Unternehmen kommunizieren inzwischen Verpflichtungen zu verantwortungsvollem Wirtschaften. Gleichzeitig bleibt eine deutliche Umsetzungslücke: Berichtet wird häufiger über Richtlinien, Managementsysteme und Zuständigkeiten als über konkrete Massnahmen zur Vermeidung negativer Wirkungen oder zur Förderung positiver Beiträge. Offenlegung ist damit ein Anfang, aber noch kein Nachweis für Wirkung.
Mehr Transparenz, mehr Verantwortung
Diese Unterscheidung gewinnt auch rechtlich an Bedeutung. Das schweizerische Lauterkeitsrecht (UWG) und die EU-Richtlinie 2024/825 (EmpCo) zur Stärkung der Verbraucher für den ökologischen Wandel erhöhen den Druck auf Unternehmen, Umwelt- und Nachhaltigkeitsaussagen klar, überprüfbar und sachlich zu belegen. Wo Aussagen wissenschaftlich nicht belastbar, zu allgemein oder irreführend sind, entsteht Greenwashing-Risiko.
Das Dilemma für Investoren
Für Investoren entsteht daraus ein praktisches Dilemma. Die Menge an ESG-Daten wächst, doch Qualität, Vergleichbarkeit und Verlässlichkeit bleiben uneinheitlich. Berichtsstandards werden zwar breiter angewendet, Datenerhebung, Prüfung und methodische Abgrenzung sind aber weiterhin nicht konsistent. Zudem ist nachhaltiges Investieren kein einheitlich definiertes Konzept. Je nach Strategie - etwa Best-in-Class, Ausschluss, Engagement oder Impact - unterscheiden sich Informationsbedarf und Aussagekraft derselben ESG-Daten erheblich.
Von Daten zu Wirkung
Entscheidend ist deshalb nicht nur, was ein Unternehmen offenlegt, sondern ob die Informationen zur Investitionslogik passen. Ein Nachhaltigkeitsbericht zeigt oft, welche Policies existieren, wie Prozesse ablaufen und wie sich Input und Output entwickeln. Er sagt weniger darüber aus, ob all dies wirksam umgesetzt wird, ob sie das Geschäftsmodell verändern oder ob sie Innovation und Transformation auslösen. Investoren müssen daher die Rückschau oder das aktuelle Bild der Unternehmen mit einer Beurteilung der Zukunftsfähigkeit verbinden.
Netto-Null als Prüfstein
Das zeigt sich besonders bei Netto-Null-Fahrplänen. Deren Existenz allein genügt nicht. Glaubwürdig sind sie erst, wenn sie auf einer vollständigen Ausgangsbasis beruhen, wissenschaftlich konsistent sind, technologische und regulatorische Szenarien berücksichtigen, konkrete Massnahmen über mehrere Zeithorizonte enthalten, in Strategie und Governance verankert sind und mit Budgets sowie Investitionsrechnungen hinterlegt werden. Ohne diese Elemente bleibt ein Ziel eher ein Versprechen als ein belastbarer Transformationsplan.
Transparenz ist nicht wertlos
Gleichzeitig wären ESG-Offenlegungen falsch verstanden, wenn man sie grundsätzlich abwertet. Eine Studie zu Private Equity zeigt, dass umfangreichere freiwillige ESG-Offenlegungen im Durchschnitt mit besseren Umwelt-, Sozial- und Governance-Ergebnissen bei Portfoliounternehmen verbunden sind. Transparenz kann also mit realem Handeln einhergehen. Diese Evidenz ersetzt aber keine Einzelfallprüfung und lässt sich nicht ohne Weiteres auf andere Anlageklassen oder einzelne Unternehmen übertragen.
Einordnung wird zur Schlüsselkompetenz
In einer Zeit des Informationsüberflusses zählt deshalb weniger die verfügbare Datenmenge als die Fähigkeit zur Einordnung. KI-gestützte Analysen können grosse Datenvolumina auswerten und Muster sichtbar machen. Die Beurteilung von Nachhaltigkeit bleibt aber eine fachliche Aufgabe: Sie verlangt Verständnis für Geschäftsmodelle, Lieferketten, Governance, Regulierung, Risiken und gesellschaftliche Wirkungen. Hierfür braucht es holistische Ausbildungen.
Fazit
Für verantwortungsvolle Investitionsentscheidungen reicht es daher nicht, ESG-Berichte oder Ratings isoliert zu lesen. Entscheidend ist eine Due Diligence, die veröffentlichte Informationen, reale Wirkungen, externe Prüfungen, finanzielle Implikationen und langfristige Unternehmensstrategie zusammenführt. Erst dann lässt sich unterscheiden, ob Nachhaltigkeit glaubwürdig integriert ist oder doch eher gut kommuniziert wird.
Quellen
Abraham, J., Olbert, M., & Vasvari, F. (2024). ESG disclosures in the private equity industry. Journal of Accounting Research, 62(5), 1611-1660.
OECD (2026). OECD Responsible Business Outlook 2026. https://www.oecd.org/en/publications/oecd-responsible-business-outlook-2026_2b15370f-en.html
Gerner-Beuerle, C., Gomtsian, S., & Schuster, E. (2026). ESG Ratings and the French Duty of Vigilance Law. European Corporate Governance Institute-Law Working Paper, (946).