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Wenn Versicherer das Kohlenstoffrisiko neu gestalten

Können Versicherer den Übergang zur Netto-Null beschleunigen? Eine neue Studie von Prof. Zacharias Sautner zeigt, dass dies möglich ist – indem sie den Versicherungsschutz für kohlenstoffintensive Projekte einschränken. Text: Cornelia Kegele

Versicherer haben die finanziellen Risiken des Klimawandels schon lange erkannt. Bereits 2005 warnte die Allianz gemeinsam mit dem WWF, dass die globale Erwärmung zunehmende wirtschaftliche Risiken mit sich bringe. Angesichts der steigenden Schäden durch Naturkatastrophen haben viele Versicherer in den letzten Jahren begonnen, „Kohlenstoff-Versicherungspolicen” einzuführen – öffentliche Verpflichtungen zur Reduzierung der Deckung für kohlenstoffintensive Sektoren wie Kohle, Öl und Gas. Bislang war jedoch wenig darüber bekannt, ob diese Policen einen bedeutenden Einfluss auf die Dekarbonisierung haben oder stattdessen weitgehend symbolisch bleiben und nur schwach durchgesetzt werden.

Wie Klimaschutzpolitik Gestalt annimmt

Eine aktuelle Studie von Prof. Zacharias Sautner, Olimpia Carradori und Dr. Felix von Meyerinck vom Departement für Finanzwissenschaften der UZH untersucht, ob und wie die weltweit grössten Versicherer diese Verpflichtungen umsetzen und welche Auswirkungen dies auf den Kohlebergbau in den USA hat. Die Autor:innen verknüpfen Daten zu den CO2-Richtlinien der Versicherer mit detaillierten Versicherungszertifikaten für US-Kohlebergwerke und Informationen zu Produktion, Beschäftigung und Betriebsstatus dieser Bergwerke. Auf diese Weise können sie nachverfolgen, wie grosse Schaden- und Unfallversicherer weltweit ihre Deckung nach Verabschiedung einer Richtlinie ändern, und sehen, was mit den Bergwerken geschieht, die diese Deckung verlieren. Die Kohle-Richtlinien der Versicherer sind mittlerweile weiter verbreitet und strenger geworden, auch wenn nur wenige Versicherer umfassende Ausstiegsstrategien festgelegt haben. Richtlinien, die sich auf Öl und Gas beziehen, sind nach wie vor weitaus seltener und weniger streng.

Wenn sich Versicherer zurückziehen, schliessen Bergwerke

Sobald eine Richtlinie verabschiedet ist, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass Versicherer ihre Deckung für US-Kohlebergwerke innerhalb des ersten Quartals um 8,4 Prozentpunkte zurückziehen, und steigt bis zum vierten Quartal auf 18,3 Prozentpunkte. Insgesamt sinkt die Versicherungsdeckung um 16 % bei der Anzahl der versicherten Bergwerke und um 56 % bei den versicherten Kohlemengen. Strengere Richtlinien führen zu einem stärkeren Rückgang der Deckung, während bestimmte Versicherungsarten, wie z. B. die Deckung der Arbeitssicherheit, oft beibehalten werden.

Diese Rückzüge haben reale Auswirkungen: Bergwerke, die Versicherern ausgesetzt sind, die solche Richtlinien verabschieden, werden mit einer um 3,6 Prozentpunkte höheren Wahrscheinlichkeit aufgegeben, während diejenigen, die offen bleiben, rund 15 % der Arbeitsplätze abbauen. Der Effekt ist stärker, wenn es nur wenige alternative Versicherer gibt, was zeigt, dass die begrenzte Substituierbarkeit die Auswirkungen der Richtlinien verstärkt.

Die Studie liefert den ersten systematischen Nachweis für die CO2-Versicherungspolicen von Versicherern und deren Auswirkungen auf CO2-intensive Projekte. Dennoch betonen die Autor:innen, dass die Wirksamkeit solcher Richtlinien von ihrer Strenge und den Marktbedingungen abhängt. Sie fordern mehr Transparenz und eine öffentliche Offenlegung der versicherten Risiken, um das Potenzial dieser Richtlinien – für die Kohleindustrie und andere emissionsintensive Branchen – genau bewerten zu können.

Zacharias Sautner ist Professor für nachhaltige Finanzen am Department of Finance der UZH, Senior Chair am Swiss Finance Institute (SFI) und Dozent fürFinanzkurse im Rahmen der Executive Education.

Text: Cornelia Kegele, Quelle: Oec. Mag. #24

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