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Glück vs. Können - die Rolle der Sportdatenanalytik

Heutzutage beschäftigen Sportvereine ganze Teams von Datenanalysten. Ihre Analysen helfen, Verzerrungen in der Leistungsbewertung von Entscheidungstragenden aufzudecken - und sind damit entscheidend für die Spielstrategie, den Transfer von Spieler:innen oder die Entlassung von Trainer:innen. Text: Prof. Dr. Raphael Flepp

Bei einem Fussballspiel in den europäischen Spitzenligen fallen über drei Millionen Datenpunkte an. Einerseits verfolgen die optischen Verfolgungssysteme in den Stadien automatisch jeden Spieler/jede Spielerin und den Ball 25 Mal pro Sekunde. Andererseits erfassen geschulte Bedienende manuell etwa 1.700 Ereignisse während des Spiels wie Pässe, Schüsse, Dribblings und Zweikämpfe. Die Leistungsbewertung von Mannschaften ist ein wichtiger Bereich, in dem diese Fülle von Daten einen Mehrwert für die Entscheidungsfindung bieten kann. Denn: Schlüsselergebnisse im Fussball, wie Tore und Spielergebnisse, sind notorisch unzuverlässige Leistungskennzahlen.

Die Rangliste, die niemals lügt! Das ist eine Lüge!

Tore sind im Fussball ein äußerst seltenes Ereignis. Im Durchschnitt werden etwa 2,7 Tore pro Spiel erzielt, und die Spiele werden regelmäßig durch ein einziges Tor entschieden. Folglich ist die Zufallskomponente in einem Spielergebnis beträchtlich. Für die Rangliste der Liga zählen jedoch nur die Spielergebnisse. Wie wahrscheinlich ist es also, dass die Ligatabelle die Stärke aller Mannschaften genau widerspiegelt, wenn der Anteil des Glücks beträchtlich ist? Ziemlich unwahrscheinlich. Um einigermaßen sicher zu sein, dass die Tabelle in dieser Hinsicht nicht "lügt", müsste jede Mannschaft viel mehr als die üblichen 38 Spiele pro Saison bestreiten.

Detaillierte Daten als "Lügendetektor" verwenden

Die richtige Auswahl an detaillierten Fussballdaten kann dazu beitragen, die Leistung einer Mannschaft genauer zu bewerten. Während sich viele Leistungskennzahlen als weitgehend nutzlos erwiesen haben (z. B. die von einer Mannschaft zurückgelegte Distanz oder die Anzahl der gespielten Flanken), hat sich die Konzentration auf Schüsse als vielversprechend erwiesen. Schüsse sind positiv mit Toren korreliert und kommen sehr viel häufiger vor. Da jedoch einige Schüsse besser sind als andere, muss jedem Schuss eine Torwahrscheinlichkeit zugeordnet werden. Dies ist die Intuition hinter der Metrik der "erwarteten Tore" (xG), die in den letzten Jahren an Bedeutung gewonnen hat. Die Trefferwahrscheinlichkeit eines jeden Schusses wird in der Regel auf der Grundlage der Position auf dem Spielfeld (Entfernung und Winkel), des Regelwerks (offenes Spiel, Freistoss, Strafstoss), des Körperteils, des Verteidigungsdrucks und der Position des Torwarts geschätzt. Diese Schätzungen können dann zu xG für jede Mannschaft und jedes Spiel aggregiert werden, um eine Leistungsbewertungsmetrik zu erhalten, die weniger anfällig für Zufälle ist.

Obwohl dieser Ansatz nicht ohne Einschränkungen ist, ist er sehr nützlich, um "Lügen" aufzudecken, d. h. Situationen, in denen Glück und Pech eine erhebliche Rolle bei der Bestimmung der Spielergebnisse gespielt haben. Ausserdem sind xG lediglich der Ausgangspunkt für eine stärker prozessorientierte Leistungsbewertung im Fussball. Anstatt nur Schüsse zu bewerten, könnte man alle Ereignisse am Ball mit Hilfe von Modellen des "erwarteten Ballbesitzwerts" bewerten, für die Tracking-Daten sehr relevant werden.

Warum ist ein "Lügendetektor" nützlich?

Fussballvereine und Fans interessieren sich in erster Linie für die Spielergebnisse und den Tabellenplatz in der Liga. Dies führt wahrscheinlich zu einer Ergebnisverzerrung bei der Leistungsbewertung von Entscheidungsträgern, wobei die Rolle von Glück und Pech bei Spielergebnissen unterschätzt wird. Wenn man über die "Lügen" in den Spielergebnissen informiert ist, kann man viele Fehler vermeiden, z.B. die Entlassung des Trainers oder der Trainerin aufgrund einer Pechsträhne oder die Änderung der Spielstrategie, obwohl dies nicht gerechtfertigt ist. Die Ergebnisverzerrung ist ein weitreichendes Phänomen, und Glück bei wichtigen Ergebnissen wird regelmässig mit Können verwechselt.

Die sich daraus ergebenden Konsequenzen für die Leistungsbewertung gehen über den Fussball hinaus: Nicht nur im Sport, sondern auch in der Wirtschaft können sowohl Einzelpersonen als auch Unternehmen ihre Entscheidungen verbessern, indem sie datengesteuerte "Lügendetektoren" in ihre Bewertung vergangener Entscheidungen oder Leistungen einbeziehen.

Text: Prof. Dr. Raphael Flepp

Quelle: Oec. Magazin Ausgabe #18

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