Wie Unternehmen sich gegen Klimarisiken wappnen
Physische Klimarisiken werden für Unternehmen zunehmend zum Geschäftsrisiko. Eine neue Studie von Tobias Schimanski zeigt, welche Anpassungsmassnahmen Firmen ergreifen und wann der Kapitalmarkt diese positiv bewertet.
Ein neuer Datensatz zur Klimaanpassung
Die Studie wertet über 128'000 Jahresberichte (Form 10-K) von mehr als 13'500 US-Unternehmen zwischen 2003 und 2025 aus. Grundlage sind die streng regulierten Geschäftsberichte, in denen Unternehmen Risiken und strategische Massnahmen offenlegen, geprüft von Wirtschaftsprüfer:innen, Jurist:innen und Aufsichtsbehörden. Mit einem Large-Language-Model-System (LLM) werden rund 255 Millionen Textabsätze automatisch klassifiziert und in einen neuen firmenspezifischen Anpassungsindikator überführt.
Fünf zentrale Anpassungswege
Die Studie unterscheidet zwischen Anpassungsmassnahmen, die das Unternehmen für sich selbst ergreift, und Anpassungslösungen für Kund:innen und andere Marktteilnehmer:innen. Die Massnahmen für sich selbst werden in die folgenden fünf Kategorien gegliedert.
- Physischer Schutz beschreibt bauliche und technische Schutzmassnahmen gegen Extremwetter.
- Operative Anpassung umfasst Anpassungen von Prozessen, Lieferketten und Geschäftsmodellen.
- Risikotransfer steht für Versicherungen, Rückversicherungen und andere Absicherungen.
- Finanzreserven beziehen sich auf Rücklagen und Notfallfonds zur finanziellen Abfederung.
- Riskikoanalyse meint die systematische Identifikation und Bewertung physischer Klimarisiken.
Was die Daten über 13'500 Firmen zeigen
Über den gesamten Zeitraum erwähnen 28,4% der untersuchten Firmen Klimaanpassung mindestens einmal, in einem typischen Jahr sind es 19,6%. Dabei dominieren Risikotransfer-Massnahmen und Risikoanalysen. Physischer Schutz und Finanzreserven werden seltener ausdrücklich genannt. Die Anpassungsintensität steigt nach grossen Extremwetterereignissen wie Katrina, Sandy oder Harvey, und ein Grosssteil der Unterschiede in der Anpassung entsteht auf Ebene einzelner Unternehmen, nicht allein durch Branche oder Zeittrend.
Wenn der Sturm kommt und wenn das Geld fehlt
Im ersten Anwendungsteil verknüpft die Studie Anpassungsdaten mit Börsenreaktionen rund um schwere Hurrikan-Ereignisse in den USA. Firmen mit Standorten im Hurrikan-Pfad erleiden deutlich negativere Marktreaktionen. Vorab dokumentierte physische Schutzmassnahmen mildern diese Verluste jedoch signifikant. Eine Erhöhung von physischem Schutz um eine Standardabweichung geht mit rund 0,5 Prozentpunkten besseren Renditen über 20 Handelstage einher und kompensiert im Durchschnitt etwa ein Viertel der negativen Kursreaktion.
Der zweite Anwendungsteil zeigt, dass finanzielle Engpässe die Anpassung spürbar bremsen. Ein Anstieg des Whited Wu Index (Masseinheit für finanzielle Engpässe) um eine Standardabweichung ist mit einem Rückgang der Anpassungsmassnahmen um 4 bis 14% relativ zum Mittelwert verbunden, besonders bei physischem Schutz, operativer Anpassung und Finanzreserven. Nach Hurrikan-Ereignissen erhöhen exponierte Unternehmen zwar ihre Anpassung, finanziell stark eingeschränkte Firmen reagieren jedoch deutlich weniger, gerade dann, wenn Vorsorge am wichtigsten wäre.
Was bedeutet das für Führungskräfte und Finanzentscheider:innen?
Für Investor:innen, CFOs und Risikomanager:innen macht die Studie deutlich, dass Exposition und Vorbereitung zwei unterschiedliche Dimensionen von Klimarisiko sind. Entscheidend ist nicht nur, wo ein Unternehmen physisch steht, sondern über welche konkreten Anpassungskanäle es verfügt und ob diese glaubwürdig finanzierbar sind. Gleichzeitig zeigt die Arbeit, wie moderne KI-Methoden und offene Datenplattformen, zum Beispiel die frei zugänglichen Modelle auf Hugging Face, dazu beitragen können, Klimarisiko und Anpassungsmetriken in Finanzentscheidungen, Governance und Weiterbildung zu integrieren.
Interesse geweckt?
Wer tiefer einsteigen möchte, wie Klimarisiken, Finanzmärkte und neue Technologien zusammenspielen, findet in der Executive Education der Universität Zürich passende Weiterbildungsangebote im Bereich Sustainable Finance.
- Der Kurs Climate Change Finance (in Englisch) vermittelt, wie Klimawandel modelliert und gemessen wird, wie sich physische Klimarisiken in finanzielle Risiken übersetzen und wie der Finanzsektor darauf reagiert.
- Im Kurs Fintech, AI and Sustainability (in Englisch) lernen Teilnehmende zentrale Konzepte aus FinTech, Blockchain und KI kennen und sehen anhand von Fallstudien, wie diese Technologien im Bereich Sustainable Finance eingesetzt werden.
Weitere Informationen
- Schimanski, Tobias, Firm-level Climate Change Adaptation (April 05, 2026). Verfügbar auf SSRN: https://ssrn.com/abstract=6710044
- Data and Models: https://huggingface.co/climate-adaptation