Aylin Canbek, CAS Medical Leadership
Menschen, Strukturen und Zusammenarbeit aus unterschiedlichen Perspektiven zu betrachten, gehört für Dr. med. Aylin Canbek seit vielen Jahren zum Berufsalltag. Die Internistin und Rheumatologin arbeitet als Oberärztin an der Klinik für Rheumatologie des UniversitätsSpitals Zürich, wo sie unter anderem die Weiterbildung von Assistenzärzt:innen begleitet und für die Aufarbeitung von CIRS-Meldungen sowie Morbiditäts- und Mortalitätskonferenzen verantwortlich ist. Zudem hat sie eine Spezialsprechstunde für Menschen mit Ehlers-Danlos-Syndromen aufgebaut und engagiert sich ehrenamtlich im Fachbeirat des Ehlers-Danlos Netz Schweiz.
Was sie an ihrer Arbeit besonders schätzt, ist deren Vielfalt: die medizinischen Fragestellungen, die Zusammenarbeit mit unterschiedlichsten Menschen und die Möglichkeit, Strukturen aktiv mitzugestalten. Mit dem CAS Medical Leadership der Executive Education, einem Angebot der Wirtschaftswissenschaftlichen und Medizinischen Fakultäten der Universität Zürich, wollte sie ihren Berufsalltag bewusst aus einer neuen Perspektive betrachten. Der Austausch mit Fachpersonen aus dem Gesundheitswesen und die Reflexion über Führungs- und Strukturfragen standen dabei im Mittelpunkt. Im Interview spricht sie über prägende Erkenntnisse aus dem CAS, die Bedeutung von Reflexion und darüber, weshalb patientenzentriertes Denken manchmal bedeutet, bestehende Strukturen zu hinterfragen.
Was hat Sie dazu bewogen, sich vertieft mit dem Thema Medical Leadership auseinanderzusetzen?
Die eigene Tätigkeit auf einer übergeordneten Ebene zu reflektieren, ist mir wichtig. Im klinischen Arbeitsalltag kann dies mitunter zu kurz kommen. Die Überlegung, sich bewusst Zeit und Raum hierfür zu nehmen und sich gleichzeitig mit anderen auszutauschen, die einen ähnlichen Hintergrund haben, schien mir wertvoll.
Welche Faktoren haben den Ausschlag gegeben, sich für das CAS Medical Leadership der Universität Zürich zu entscheiden?
Einerseits über persönliche Empfehlung. Gleichzeitig schienen mir die Lerninhalte sehr breit und praxisrelevant. Im Vergleich zu anderen Weiterbildungen fand ich es besonders interessant, dass ein klarer Fokus auf das Gesundheitswesen gelegt wurde, welches gegenüber anderen Bereichen der Gesellschaft in vielen Aspekten Besonderheiten mit sich bringt.
Das CAS hat sehr von einem lebhaften, ehrlichen und reflektierten Dialog untereinander gelebt.
Was hat dieses Programm für Sie besonders gemacht?
Die Inhalte waren sehr fundiert und gingen deutlich tiefer, als ich es bisher von anderen Weiterbildungen kannte. Die Qualität der Inhalte bewegte sich auf einem sehr hohen Niveau – einerseits dank der Fachexpertise der Referierenden. Andererseits aber auch dank aller Teilnehmenden: Das CAS hat meiner Meinung nach sehr von einem lebhaften, ehrlichen und reflektierten Dialog untereinander gelebt. An einem solchen Programm allein oder online teilzunehmen, hätte keine vergleichbaren Erkenntnisse schaffen können. Wir hatten viele, teils auch kritische Diskussionen, Gruppenarbeiten und Reflexionsübungen. Gleichzeitig wurde sowohl auf inhaltlicher, als auch struktureller Ebene im CAS ein fruchtbarer Boden dafür geschaffen, dass dies überhaupt möglich war.
Besonders war auch, dass die Teilnehmenden ebenfalls mehrheitlich aus dem Spitalbereich kamen: Dadurch war ein sehr praktisch orientierter Austausch möglich. Es konnten gegenseitig ähnliche Erfahrungen ausgetauscht werden, aber man erhielt auch Einblicke, was andere vielleicht anders machen. Manche dieser Diskussionen haben mir konkrete Anregungen mitgegeben, was ich selber in meinem Alltag anders umsetzen könnte. Dadurch konnte ich nebst den eigentlichen Lerninhalten sehr viel «zwischen den Zeilen» mitnehmen.
Gab es eine Erkenntnis aus dem CAS, die Ihre Sicht auf Führung nachhaltig verändert hat?
Ich habe Einblick in Bereiche erhalten, mit denen ich zuvor kaum praktische Berührungspunkte hatte, beispielsweise HR oder Kommunikation. Das führte später sogar dazu, dass ich in einer konkreten Situation aktiv den Austausch mit der Kommunikationsabteilung gesucht habe.
Besonders aufschlussreich war für mich auch das Thema Change Management. In Hinsicht auf eine konkrete Veränderung (Aufbau einer Spezialsprechstunde für Ehlers-Danlos-Syndrome) war es für mich sehr spannend, mich im Rahmen einer Projektarbeit vertiefter mit diesem Thema zu beschäftigen und die verschiedenen Aspekte von Veränderungen fundierter zu analysieren. Dies hat aufschlussreiche Erkenntnisse gebracht, die nun zurück in meinen klinischen Alltag eingeflossen sind.
Die Struktur passt sich dem Menschen an, und nicht der Mensch der Struktur.
Welche Fragestellungen rund um das Spital- und Gesundheitswesen haben Sie während des CAS besonders beschäftigt?
Da ich mich sehr für strukturelle Fragen interessiere, fand ich eine Diskussion besonders interessant: Wir diskutierten anhand eines Fallbeispiels, dass die strikte Trennung in verschiedene Kliniken und Teilbereiche nicht immer im Sinne der Patient:innen und deren Behandlung ist. Anstatt dass die Patient:innen von einer Klinik zur anderen «springen» und jede Klinik lediglich ihren eigenen Teilbereich anschaut, könnte klinikübergreifend und gemeinsam abgestimmt werden, was es für die Behandlung braucht. Quasi: Die Struktur passt sich dem Menschen an, und nicht der Mensch der Struktur.
Ebenso spannend waren Diskussionen darüber, welche Schwierigkeiten es in unserem klinischen Alltag bringt, wenn betriebswirtschaftliche Konzepte auf ein öffentliches Gesundheitswesen übertragen werden.
Auch den Austausch über unterschiedliche Werte und Ansprüche verschiedener Generationen im Spital fand ich sehr bereichernd. Gleichzeitig wurde die Frage kritisch diskutiert, wie sinnvoll es ist, Menschen nach Generationen zu kategorisieren.
Wie setzen Sie das Gelernte heute konkret in Ihrem Alltag um?
Ich habe begonnen, mir konkrete Zeitfenster zur Reflexion in meiner Agenda fix einzutragen. So geht dies im teils hektischen Spitalalltag nicht unter. Rückblickend war dies ein richtiger «missing link».
Das CAS hat mich darin bestärkt, manche Werte, die mir wichtig sind, konsequent und auch in schwierigen Situationen weiterzuverfolgen.
Was haben Sie während des CAS über sich selbst als Führungskraft gelernt?
Das CAS hat mich darin bestärkt, manche Werte, die mir wichtig sind, konsequent und auch in schwierigen Situationen weiterzuverfolgen. Ich habe jedoch auch erfahren, wie andere mit ähnlichen Situationen umgehen und was ich davon lernen kann – das ist Wissen, das in keinem Buch steht, sondern nur durch geteilte Erfahrung zustandekommt.
Was war die grösste Herausforderung während des CAS?
Es war eine ganz neue Erfahrung, sich für die Projektarbeit in ein komplett neues Gelände zu begeben, von dem man zuvor – gelinde gesagt – keine Ahnung hatte. Auf der beruflichen Ebene habe ich diese Erfahrung seit dem Studium nicht mehr gemacht, da uns vieles in unserem klinischen Alltag seit Jahren in den Grundzügen vertraut ist, auch wenn wir natürlich fachlich stets dazulernen. Sich nochmals mit einem komplett neuen Gebiet ausserhalb der Medizin zu beschäftigen, war spannend und aufschlussreich.
Für wen ist das CAS Medical Leadership besonders wertvoll?
Ich würde das CAS jeder Person empfehlen, die eine Führungsrolle im Spital- oder Gesundheitswesen einnimmt und nicht nur inhaltlich dazulernen möchte, sondern auch Anstösse mitnehmen möchte, konkrete und lebensnahe Erfahrungen mit anderen zu diskutieren und die eigene Tätigkeit zu reflektieren.