Wie nachhaltig sind virtuelle Meetings?
Die Pandemie hat uns alle vor die Monitore gezwungen und uns damit zu Klimaschützern gemacht, denn virtuelle Meetings verursachen viel weniger CO2 als Reisen. Oder stimmt das vielleicht gar nicht? Text: Lorenz Hilty
Der IT-Sektor hat heute mit zwei bis vier Prozent einen ähnlichen Anteil an den globalen Treibhausgasemissionen wie der Flugverkehr. Und Video ist das Energieintensivste, das man in der digitalen Welt machen kann, wenn man nicht gerade Modelle trainiert oder Bitcoins schürft. Die Datenmenge, die eine Videokamera in einer Stunde erzeugt, kann ich über eine Tastatur in zehn Arbeitsjahren nicht eintippen. Dennoch wäre es falsch, die Kamera auszuschalten und wieder ins Flugzeug zu steigen. Ein virtuelles Meeting verursacht 160-290 Gramm Treibhausgas-Emissionen pro Stunde, ein Flug nach New York und zurück 2,5 Tonnen pro Passagier. Nur wenn ich zwölf Jahre lang täglich zwei Stunden mit New York konferieren müsste, würde sich ein einziger Flug lohnen.
Dieser scheinbare Widerspruch zur Aussage über die globalen Emissionen ist durch die Zahl der Nutzenden zu erklären.
62 Prozent der Menschen haben Zugang zum Internet, aber nur drei Prozent fliegen mindestens einmal pro Jahr. Würden sich Flugreisen im gleichen Ausmass «demokratisieren» wie das Internet, wäre der Kampf gegen den Klimawandel schon verloren. Auch die digitale Technik kann ich klimabewusst nutzen. Bei Endgeräten entfällt der grösste Teil der Klimabelastung auf die Produktion. Deshalb: Seltener etwas Neues kaufen. Und der Versuchung widerstehen, scheinbar unbegrenzte Kapazitäten in der Cloud exzessiv zu nutzen. Denn dies hat Auswirkungen auf die Grösse und den Energieverbrauch der Rechenzentren.
Text: Lorenz Hilty (Professor am Institut für Informatik und Nachhaltigkeitsdelegierter der UZH)
Quelle: Oec. Magazin Ausgabe #17